Lago General Carreras (29.11. – 01.12.13)

Los Antiguos ist die argentinische Grenzstadt am Lago Buenos Aires. Dort wollen wir eigentlich eine Nacht verbringen. Dann treffen wir in der Stadt zwei Deutsche, die vom Streik an der chilenischen Grenze berichten. Angeblich werden Autos zwischen 18 und 20 Uhr jedoch abgefertigt. Wir überlegen nicht lange. Wer weiß, was morgen ist. Also weiter. Die argentinischen Formalitäten sind schnell erledigt; an der chilenischen Grenze erscheint die Grenzbeamtin pünktlich um 18 Uhr. Die zwei Deutschen sollen ihren Reservekanister leeren. Das haben wir bis jetzt noch nie erlebt. Wir müssen unser Formular noch nachbessern, dann wird unser WoMo ganz normal kontrolliert. Nichts wie weg. Wir fahren bis nach Chile Chico und finden einen schönen Platz am Lago General Carrera; so heißt der See in Chile. Am nächsten Tag freuen wir uns auf die Fahrt entlang des Südufers. Unser Reiseführer schreibt, dies sei eine der schönsten Straßen Patagoniens. Das wäre sie sicher auch, wenn sie nicht in einem hundsmiserablen Zustand wäre. Aber das wissen wir (leider – Gott sei Dank?) zu Beginn noch nicht. Die ersten Kilometer ziehen sich etwas durchs Hinterland. Dann kommen circa 50 Kilometer Fahrt an der Steilküste. Die Straße schlängelt sich hoch oben entlang. Schmal, kurvig, steil. Mit Ausblicken auf den tiefblauen See vor schneebedeckten Bergen – oder in den Abgrund. Die Straßenführung ist toll. Es geht über die Teufelsschlucht, durch eine enge, aus dem Berg herausgehauene Gasse; immer steil auf und ab. Leider kann man Fahrt und  Aussicht nicht wirklich genießen. Die Konzentration liegt voll auf der Straße. Vor allem die Kurven neigen sich so stark nach innen, dass wir mit dem WoMo die ganze Fahrbahn benötigen, um es einigermaßen senkrecht zu halten. Anhalten soll man an vielen Abschnitten nicht wegen Steinschlag. Zum Glück kann man die Autos, die uns entgegenkommen, an einer Hand abzählen. Im anschließenden Teil der Strecke haben Pferde, Schafe, Ziegen, Gänse und Hühner Vorfahrt. Der Staub der Schotterstraße dringt durch alle Ritzen. Brillen müssen regelmäßig abgestaubt werden, um den Durchblick nicht zu verlieren, und die Haare fühlen sich an wie Stroh. Die Küstenstraße endet an der berühmten Carretera Austral. Auf ihr folgen wir dem See am Westufer. Überall wachsen wilde Lupinen in rauen Mengen und das Farbenspiel von grün und blau, wenn ein Gletscherfluss in den See strömt, ist phantastisch. Endstation ist für heute Puerto Tranquilo.

Am nächsten Tag starten wir zeitig zu unserer Tour zu den „Capillas de Mármol“, den Marmorhöhlen. Die schwarzen Wolken sind schon im Anmarsch. In einem kleinen Motorboot geht es flott über den See, bis am Ufer die ersten Höhlen auftauchen. Wir erfahren, dass der ganze Berg, der vor uns liegt, aus Marmor besteht. Bizarre Formationen haben sich im Laufe der Zeit gebildet. Manche Höhlen sind so groß, dass wir hineinfahren können. Das Farbenspiel der Marmoradern reicht von weiß über rosé bis zu blau und schwarz. Den „Hund“ sieht man nur aus einer bestimmten Perspektive. Einzeln stehen (inzwischen?) die Kathedrale und die kleinere Kapelle, zwei Marmorbrocken, die im Innern wunderbare Formen aufweisen. Da wir mit unserem Fahrer, der unterwegs ein bisschen deutsch lernt, allein auf dem Boot sind können wir dieses Naturwerk in Ruhe genießen.

Entlang eines Seitenarms des Lago Carrera geht es danach weiter nach Puerto Murta.  Wilde gelbe Lupinen, der rote Feuerbusch und die großen Wedel der Cana Colihue säumen den Weg. Inzwischen hat es angefangen zu nieseln. Uns stört das ausnahmsweise nicht, denn es bindet den Staub auf der Straße. Durch das Tal des Río Ibanez, vorbei an toten Bäumen, die noch vom Ascheregen des Vulkans Hudson zeugen, führt unser Weg nach Cerro Castillo. Abends zünden wir dann die erste Kerze an – wie sich das am ersten Advent so gehört.