Cueva de las Manos

Der Wetterbericht sollte Recht behalten. Seit unserer Abfahrt aus Gregores bläst der Wind kontinuierlich stark. So kommen wir auch auf der asphaltierten Straße nicht schnell voran. Dann kommt die Umleitung. Parallel zur geteerten Straße (dort kommen uns  einige Oldtimer entgegen) mit zahlreichen Löchern und Matsch. Es muss stark geregnet haben. Ich bin dagegen, auf der Teerstraße einfach weiter zu fahren (noch zu deutsch!) und prompt stecken wir in einem großen Wasserloch im Schlamm fest. Es geht weder vorwärts noch zurück. Einen Moment später rast ein Kleinbus mit Vollgas durch das Schlammloch an uns vorbei und am WoMo läuft der Dreck nur so herunter. Gerade als ich anfangen will zu fluchen hält der Bus hinter der Schlammkuhle. Ich traue meinen Augen nicht; ungefähr 20 Argentinier springen der Reihe nach aus dem Wagen. Junge Männer in Trainingsklamotten. Sie kommen zurück und beratschlagen mit uns, was zu tun ist. Das Abschleppseil ist zu kurz. Es wird weiter diskutiert, über Fußballspieler geredet und eine Entscheidung getroffen. Von der Böschung aus schieben sie mit vereinten Kräften unser WoMo an und schaffen es tatsächlich. Wir kommen aus dem Matsch frei und ab durch die Mitte ans andere Ufer. Obwohl der ein oder andere bei diesem Manöver eine Ladung Dreck abbekommen hat, verabschieden sie sich mit Handschlag und einem breiten Grinsen (Argentinien wird doch Fußballweltmeister, oder?). Diese spontane, aktive Hilfsbereitschaft auf der Straße setzt uns immer wieder in Erstaunen. Bei der nächsten Möglichkeit fahren wir auf die Teerstraße!

Dann kommt der Wind. Irgendwann ist er so heftig, dass wir am Straßenrand anhalten müssen. Wir warten. Nach knapp zwei Stunden tritt eine leichte Flaute ein und wir erreichen das Gebäude einer Straßenbaumeisterei. Dort stehen wir im Windschatten und trotzdem schaukelt das Auto. Der Wind bläst um alle Ecken. Am nächsten Morgen können wir weiter. In Bajo Caracoles gibt es einen Tankstopp und dort treffen wir auch weitere schicke Oldtimer. Sie fahren die Rallye Cape Horn (von Buenos Aires nach Ushuaia in drei Wochen). Wir setzen unseren Weg fort zur Cueva de las Manos (der Höhle der Hände). Viele Guanako- und Nanduherden begleiten uns. Die Höhlen liegen am Rande des Canyons, den der Río Pintura durchfließt. Mächtige Felswände mit einem kleinen Fluss und viel Grün in der Tiefe. Die Felsmalereien zeigen in der ältesten Phase Negative linker Hände und Bilder von Guanakos in rot, schwarz, weiß und grün. Sie sind fast zehntausend Jahre alt und die Naturfarben haben von ihrer Leuchtkraft nur wenig eingebüßt. Später kommen Fußabdrücke von Nandus und abstrakte Formen wie Linien, Punkte und Kreise dazu. Weshalb die Ureinwohner diese Malereien angefertigt haben und was genau sie bedeuten – das Lieblingswort unserer Führerin ist „vermutlich“. Sie hat Erklärungen für schwarze Guanakos (sie werden gejagt) und rote (sie sind tot) und rote Kreise um eine weiße Hand (Chef oder Schamane).

Bis zur Stadt Perito Moreno sind es noch 125 Kilometer. An die weite Steppe habe ich mich inzwischen gewöhnt und finde sie gar nicht mehr so trostlos. Es gehört zu diesem Land dazu. Auf halber Strecke sitze ich dann im Auto und staune nur noch über Formen und Farben, die die Landschaft mir plötzlich bietet. Grüne, faltige Hügel, kegelförmige Senken, steil abfallende Felsen und Tafelberge in einem Bild. Als ob jemand Schnipsel aus dem Geographiebuch zu einer Collage zusammengefügt hat. Und die Farben wechseln zwischen beige, braun, rosa, rostrot und grün. Faszinierend.

Die Straße ist über weite Abschnitte übersät von kleinen, beweglichen Dingen. Wir denken zuerst an Flechten oder Gräser, hergeweht vom letzten Sturm. Aber diese Teile bewegen sich auch ohne Wind. Bei genauerem Hinschauen erkennen wir Unmengen großer Heuschrecken. Warum sie die Straße an bestimmten Stellen überqueren ist uns rätselhaft; die wenigsten überleben diesen Ausflug.

In Perito Moreno suchen wir dann einen windgeschützten Übernachtungsplatz. Deshalb verzichten wir auf die schöne Stelle an der Lagune und stehen neben dem Sportplatz. Vom warmen WoMo aus können wir das Training der Jugendlichen bequem beobachten. Dann laufen zwei Mannschaften zum Spiel auf. Die Erzrivalen des Ortes wie sich herausstellt. Das Spielfeld ist von Autos umringt, in denen zahlreiche Fans sitzen und gelungene Aktionen und Tore mit Hupen „beklatschen“. Die „Weißen“ haben um 22 Uhr mit 4:0 gewonnen. Wir dachten, jetzt kehrt Ruhe ein. Es ist Donnerstag. Da wird um kurz nach zehn das nächste Spiel angepfiffen. Mit Flutlicht, Schieds- und Linienrichter. Nach Mitternacht verkündet ein Hupkonzert das Ende des Spiels und den Sieg der Heimmannschaft.