Antarktis

Eigentlich hatten wir keinen Ausflug in die Antarktis geplant. Es gibt gute Gründe gegen Touristenfahrten auf den sechsten Kontinent. Wir kennen sie. Dem „Last-minute“- Angebot konnten wir dann allerdings doch nicht widerstehen. Unser Schiff ist die Ocean Diamond und wurde von einer chinesischen Agentur für neun Tage gechartert. Der Veranstalter, Quark Expeditions, nimmt für sich in Anspruch verantwortungsbewusst mit der unberührten Natur und den dort lebenden Tieren umzugehen. Mit an Bord sind neben den Passagieren und der Crew erfahrene Zodiacfahrer und Experten für Biologie, Geologie und Geschichte.

Tag 1: Rucksack und Tasche sind gepackt. Unser WoMo hat einen guten Stellplatz für die nächsten Tage. Unser Schiff liegt bereits im Hafen und wir sind überpünktlich bei  der Passagierkontrolle. Aufgeregt und gespannt. Der Empfang an Bord ist sehr freundlich und aufmerksam und unsere Kabine richtig gemütlich. Neben allgemeinen Informationen, Sicherheitshinweisen und gelben, warmen Jacken bietet uns der erste Abend auch schon einen lebhaften Eindruck von unseren Mitpassagieren. Hier treffen zwei Kulturen auf engstem Raum aufeinander; ungefähr 150 Chinesen begegnen 10 Nichtchinesen. Und am deutlichsten zeigt sich das bei den gemeinsamen Mahlzeiten. Die Chinesen haben 37 Stunden Flug auf sich genommen, um diese Fahrt zu unternehmen. Wir verlassen um 18 Uhr den Hafen von Ushuaia und durchfahren den Beaglekanal.

Tag 2: In der Nacht erreichen wir die Drake Passage. Selbst bei gutem Wetter sind die Wellen dort zum Übelwerden. Zur Vorbereitung auf die Antarktis gibt es Vorträge mit Hintergrundinformationen über die Besonderheiten des antarktischen Kontinents und die Tierwelt. Ich lass mir alles später erzählen und verzichte auch auf die Mahlzeiten. Dank meines medizinischen Pflasters bin ich wenigstens nicht grün im Gesicht, sondern fühle mich in der Horizontalen eigentlich ganz gut.

Tag 3: Wir haben in der Nacht den 60sten Breitengrad überfahren und befinden uns jetzt in antarktischen Gewässern. Am Vormittag sichten wir den ersten Eisberg und kurz darauf Land, eine kleine Insel, die zu den südlichen Shetlandinseln gehört. Bevor wir unsere ersten Fahrten mit dem Schlauchboot (Zodiac) unternehmen erhalten wir genaue Instruktionen über Desinfektionsmaßnahmen, das Verhalten im Zodiac, an Land und gegenüber den Tieren. Wer daran nicht teilnimmt darf nicht von Bord. Nach einem Vortrag über die antarktischen Seelöwenarten ist es dann soweit. Wir starten unsere erste Zodiac-Fahrt und gehen auf King George Island an Land. Dort befindet sich die chinesische Antarktisstation (Great Wall Station), die wir auch besuchen dürfen. Für die Chinesen ist das natürlich ein Highlight. Sie haben sogar ihre Fahne dabei fürs Gruppenfoto.

Tag 4: Heute geht es gleich nach dem Frühstück los. Unser Zodiacteam ist die englischsprachige Gruppe 7. Wir landen auf Aitcho Island. Die schneebedeckten Hänge sind mit Pinguinen übersät. Sie watscheln den Berg hinauf und stolpern steile Abhänge herunter. Wenn es zu schnell wird, rutschen sie auf dem Bauch weiter. Wir unterscheiden zwei verschiedene Pinguinarten, deren Kolonien manchmal nur wenige Zentimeter auseinander liegen, von „Wächtern“ beschützt. Trotzdem schaffen es die Pinguine, sich gegenseitig Steine zu klauen, die sie für ihren Nestbau verwenden. Bei der Fahrt mit dem Zodiac entlang der Küste begleiten sie uns im Wasser. So tollpatschig sie sich an Land bewegen, so geschmeidig und leicht schwimmen und springen sie zwischen den Eisschollen. Wir fahren entlang der Küstenlinie zu den Liegeplätzen der Weddellseals (Seelöwen), begleitet von Kormoranen, Giant Petrels, Antarctic Terns und anderen Vögeln. Unsere Zodiacfahrerin Niki weiß einiges mit großer Begeisterung zu erzählen. Beim Mittagessen können wir uns eine Runde aufwärmen. Danach geht es wieder ins Boot. Wir umkreisen Eisberge, bizarre Eisformationen, die in den unterschiedlichsten Blautönen leuchten, und begegnen Seelöwen, die faul auf ihrer Eisscholle liegen. An Land gehen wir in der Half Moon Bay. Die Pinguine und Seelöwen in dieser eisigen Umgebung zu beobachten ist sehr beeindruckend.

Tag 5: Durch immer dichteres Eis fährt unsere Ocean Diamond Paradise Harbour an. Diese Bucht bekam ihren Namen von Walfängern, die hier einen geschützten Ankerplatz fanden. Und es ist paradiesisch schön hier. Mit dem Zodiac schlängeln wir uns bei strahlendem Sonnenschein durch die Eisschollen an Land und betreten den sechsten Kontinent. Ein Moment, den man nie wieder vergisst; und ich bin glücklich, dass ich ihn hier und jetzt erleben darf. Unsere Zodiacfahrt führt uns anschließend noch an Gletschern vorbei zu den Nistplätzen der blue-eyed shags (blauäugige Kormorane). Das Ereignis wird abends mit einem Barbecue an Deck gefeiert. Vor dieser Kulisse fast schon ein wenig dekadent.

Tag 6: Der ursprüngliche Plan, mit dem Schiff durch den Lemaire-Kanal zu fahren, scheitert an der dicken Eisschicht. Wir nehmen stattdessen die „deutsche Route“, den Neumayer-Kanal. So erreichen wir Cuverville Island und die Wilhelmina Bay. Und auch hier stellen wir wieder fest: die Natur ist einfach eine außergewöhnliche Künstlerin. Über hohen, blauen Eiswänden wölbt sich die weiße Schneedecke wie eine Domkuppel. Die Eisberge treiben wie museumsreife Skulpturen durchs Wasser. Und die Pinguine lassen sich durch uns nicht stören, solange wir ihre „Straßen“ freihalten. Sie schnäbeln, streiten, jagen sich oder gehen einfach ihrer Wege. Manchmal neugierig ganz dicht an uns vorbei.

Tag 7 – 9: Es geht wieder zurück nach Ushuaia. Und die Albatrosse begleiten uns. Resümee: Die kalte Schönheit der Antarktis und ihre Tierwelt hat mich tief beeindruckt. Diese Reise würde ich sofort wieder unternehmen. Denn kein Reisebericht und keine Bilder können diesen Zauber wiedergeben.