Von Asuncion nach Mercedes

Unser erster Halt in Argentinien Richtung Süden ist der kleine Ort Vélaz. Wir übernachten in einem Park zwischen Fluss (wo sonst?) und Wohngebiet. Mit dem unmittelbaren Nachbarn nehmen wir Kontakt auf. Er antwortet auf alle Fragen (ob wir hier für eine Nacht stehen können und ähnliches) mit sí, sí. Ob er mich wirklich verstanden hat? Vorsorglich verfrachtet er sein Motorrad hinters Haus (hätte ich in Deutschland auch so gemacht). Am nächsten Morgen bei der Abfahrt wird uns erst klar, wie viele Augen über uns gewacht haben. Aus allen Fenstern wird gewunken und ein Abschiedsgruß gerufen.

Wir erreichen die Stadt Resistencia. Hier sollen im Stadtgebiet verteilt über 500 Skulpturen stehen. Wir machen uns auf die Suche. Erfolgreich. Leider ist es Sonntag und die Museen haben geschlossen. Normalerweise machen wir einen Bogen um Museen, da es enorm anstrengend ist, die spanischen Texte zu verstehen. Aber hier in Resistencia gibt es ein Museum mit indigener Handwerkskunst. Bilder (und Modelle) sagen einfach mehr als tausend Worte. Ich hätte es gern gesehen. Im Gebiet des Gran Chaco, wo wir uns gerade befinden, gibt es drei indigene Volksgruppen, von denen man nichts sieht – außer ihrem Kunsthandwerk. Selbst die Argentinier wußten bis vor kurzem (2009) nicht, das es in ihrem Land eine Volksgruppe gibt, die regelrecht verhungerte. Gran Chaco streifen wir Touristen hier nur am Rande. Es ist ein unwirtliches Gebiet, in dem die Menschen in größter Armut leben.

Von Resistencia nach Corrientes überqueren wir den Rio Paraná. Es muss eine gigantische Brücke sein. Wir sehen sie leider nur von oben, denn anhalten ist strengstens verboten. Auf der Weiterfahrt wird die Landschaft abwechslungsreicher. Wir kommen in das Schwemmland des Esteros del Iberá. Zahlreich kleine Lagunen mit ihren gefiederten Bewohnern säumen unseren Weg. Die Vorfreude auf unser nächstes Ziel, die Laguna Iberá, wächst.

Kurz vor Mercedes: die Gedenkstätte an Gauchito Gil. Gauchito Gil ist der Robin Hood Argentiniens. Die Umstände seines Todes machten ihn zur Legende. Wir besuchen seine Grabstätte – ein Kulturgut. Das Zentrum davon ist ein Schrein mit einer hölzernen Gauchofigur vor einem Kreuz. Dahinter befindet sich eine Art Höhle, in der rote Kerzen brennen. Die Kerzen werden von geschäftstüchtigen Händlern im äußeren Bereich verkauft – im Fünferpack. Dort geht es zu wie auf einem Jahrmarkt. Man kann alles, mit dem Schriftzug Gauchito Gil versehen, kaufen; Messer, Tassen, Anhänger, usw. Und die roten Kerzen. Die sind allerdings so dünn, dass sie nicht abbrennen, sondern vorher umfallen und den Wachsberg am Boden vergrößern. Gil (die Holzfigur) hat inzwischen einen kahlen Schädel, da jeder seine Hand auf den Kopf auflegt. Im Stillen bewundere ich diese Innigkeit, mit der erwachsene Menschen durch eine Geste und ein stummes Verharren Dank ausdrücken oder ein gutes Schicksal erbitten. Verstehen kann ich es nicht. Es ist mir fremd. Eine junge Frau kommt mit ihrem Baby auf dem Arm und hängt einen kleinen rosa Schuh an das Kreuz. Für solche Geschenke an Gil gibt es inzwischen mehrere Lager zur Aufbewahrung. Als wir weiterfahren hupen wir pflichtgemäß mehrmals, denn das wendet Unheil von uns ab. Schaden kann es ja nicht. Um das Ganze noch perfekt zu machen übernachten wir in Mercedes am Ortseingang neben der Statue der beschützenden Jungfrau. Hier haben es sich auch schon ein paar Lastwagenfahrer gemütlich gemacht. Allerdings haben wir noch nicht das richtige Gefühl für die Mentalität der Argentinier (in diesem Landstrich) entwickelt. Den ganzen Abend ist ein Kommen und Gehen. Die Einheimischen suchen ihre Heilige für ein kurzes Gebet, eine kleine Zwiesprache auf. Nein, wir sind nicht abergläubisch, aber es gibt sicher schlechter Plätze zum Übernachten.